Erschienen am: 1775044985

Viel Arbeit – wenig Geld

Über die „Kummervolle Lage“ der Landvermesser im 19. Jahrhundert

Der „Topographische Atlas des Königreiches Bayern“ (1801-1868) und die Katasteruraufnahme (1808-1868) waren die ersten Großprojekte der Bayerischen Vermessungsverwaltung. Hinter dieser exzellenten Pionierarbeit, die wir heute als Meilensteine der Kartographie bewundern, verbirgt sich jedoch der beschwerliche und entbehrungsreiche Alltag der Landvermesser im 19. Jahrhundert. Die tägliche Arbeit im „Topographischen Bureau“ und in der „Steuervermessungs-Kommission“ war nicht nur von der strapaziösen Arbeit in einem häufig unwegsamen Gelände geprägt, sondern vor allem von einer prekären finanziellen Situation.

Wie dramatisch die finanzielle Lage der Geometer damals war, zeigt eine Petition an den Bayerischen Landtag vom 28. Juli 1819. Sie gibt einen Einblick in die wirtschaftlichen Verhältnisse zu Beginn des 19. Jahrhunderts. In dieser Petition (pdf, 1,1 MB; nicht barrierefrei) schildern die Obergeometer unter der Überschrift „Kummervolle Lage der meisten subalternen Staatsdiener in Baiern oder Versuch ob ein Staatsdiener und zugleich Familienvater nur mit seiner Gattin und 2 Kindern ohne Dienstboten mit jährlich 600 Gulden (ungefährer heutiger Wert ca. 6000 Euro) Totaleinnahme leben könne“ ihre Sorgen und Nöte. Die Petition enthält eine genaue Aufstellung der täglichen Ausgaben einer vierköpfigen Familie, das dafür vorhandene Geld und die Kommentare dazu.

So ist hier z.B. von der damals üblichen Morgensuppe zu lesen oder es ist zu erfahren, dass man sich nur alle zehn Jahre einen neuen Mantel leisten konnte. Über das Frühstück wird vermerkt: „Dieses kann nur aus einer dauerhaften Suppe bestehen, da der Betrag für 3 bis 4 Personen Kafee nicht hinreichend – und dieser Zehrtrank der nachfolgenden Mittags- und Abendkost keineswegs angemeßen wäre.“ Über die Qualität des Mittagsessens ist zu lesen: „In was die Mittagskost bestehe, das sprechen die angesetzten 9 kr per Person deutlich aus. Gar oft müßen wohlbereitete Erdäpfel die Leckerbißen des Mahles sein“ oder „Wird des Staatsdieners Magen bei seinem sitzenden Berufe auch ohne Brod schon gefüllt, so werden seine Kinder und die geplagte Frau den Überschuß gierig verzehren“. Zur Kleidung, die sich ein Geometer leisten konnte, heißt es: „Jahr für Jahr tragen sich die angesetzten Kleidungsstücke ab, theils weil sie fast gar nie gewechselt werden können und theils weil sie der Wohlfeile nach und auf monatliche Abzahlung angeschaft werden müßen; sohin von schlechter Qualität sind.“ Für das Abendmahl waren für „den Familien Vater (Staatsdiener) 1 ½ Maaß Bier á 5 kr“ und für „die Gattin und 2 Kinder 1 Maaß Brod“ vorgesehen.

Diese prekäre finanzielle Situation geht auch aus der Rechtfertigung der angefallenen Reisekosten für das Etatjahr 1805 hervor, in der ein „Kameralgeometer“ nicht nur von den Widrigkeiten seiner Dienstreise von Dorfen nach Erding berichtet, sondern auch die „geringen Diaeten“ beklagt: „daß die ganze Gegend, die ich paßiren mußte, mit k. Truppen überschwemmt war, die sogar auf offener Straße Pferde und Knechte wegnahmen … so konnte ich es, weder den Bauern, noch jener die sich mit Fuhrwerken abgeben, verargen, daß sie sich glatterdings weigerten, mich und meine Bagage wegzuführen; und ich mußte mir gefallen laßen, überspannte Preise des Fuhrlohns zu bezahlen, um nicht meine Pläne und mein Eigenthum zurückzulaßen.“ Die hohen Reisekosten rechtfertigte der Geometer mit den Worten: „Wenn nun zu dem Fuhrlohn, noch Trinkgeld, Brod für die Pferde, und das gewöhnliche Bier für den Fuhrmann in Anschlag kömt, welches mir bey den ohnehin geringen Diaeten zu leisten nicht möglich ist, so ist das der Fuhrlohn, so kostspielig nicht“. (zit. nach Habermeyer, S. 44)

Primärtext:
"Kummervolle Lage der meisten subalternen Staatsdiener in Baiern oder Versuch ob ein Staatsdiener und zugleich Familienvater nur mit seiner Gattin und 2 Kindern ohne Dienstboten mit jährlich 600 Gulden Totaleinnahme leben könne"

Sekundärliteratur:

  • Max Seeberger, Wie Bayern vermessen wurde. Augsburg 2001 (Hefte zur Bayerischen Geschichte und Kultur, Bd. 26, Hg. vom Haus der Bayerischen Geschichte in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Museum), S. 42ff.
  • Alfons Habermeyer: Die topographische Landesaufnahme von Bayern im Wandel der Zeit. Stuttgart 1993, S. 44.